- Von Doreen Witt
Interview mit Dr. med. Tobias Lindig
Neue Alzheimer-Therapien: Warum modernes Bildmanagement und KI über den Erfolg entscheiden
Mit der Zulassung von Antikörper-Medikamenten wie Lecanemab und Donanemab bricht in der Alzheimer-Behandlung eine neue Ära an: Erstmals lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Doch dieser medizinische Durchbruch bringt massive logistische Herausforderungen mit sich. Die Alzheimer-Therapien erfordern eine extrem frühe Diagnose und ein regelmäßiges, engmaschiges MRT-Monitoring. Die Konsequenz: steigende Scan-Zahlen und komplexere Befundungen. Ohne modernes Alzheimer-Therapie Bildmanagement, einen nahtlosen Datenaustausch und Künstliche Intelligenz (KI) ist diese neue Versorgung flächendeckend kaum umsetzbar. Was das in der Praxis bedeutet, erklärt Dr. Tobias Lindig, Oberarzt am Universitätsklinikum Tübingen und Mitgründer von AIRAmed.
Die medizinische Bildgebung wird zum entscheidenden Schlüsselfaktor in der Früherkennung von Alzheimer und anderen neurodegenerativen Erkrankungen. Denn diese stützt sich maßgeblich auf hochpräzise MRT-Scans, da subtile strukturelle Veränderungen im Gehirn oft Jahre vor den ersten klinischen Symptomen auftreten.
Um die geeigneten Patientinnen und Patienten für die neuen Therapiewege mit Lecanemab und Donanemab zu identifizieren und Nebenwirkungen sicher zu überwachen, müssen diese Bilddaten nicht nur in enormer Menge generiert, sondern auch einrichtungsübergreifend verfügbar gemacht, verglichen und sicher verwaltet werden. Ein effizientes Bilddatenmanagement bildet somit das Rückgrat der modernen Demenzversorgung.
Warum die Bildgebung in der Früherkennung eine so zentrale Rolle einnimmt und wie Radiologen die wachsende Datenflut bewältigen können, haben wir mit einem ausgewiesenen Experten zu diesem Thema besprochen: Dr. med. Tobias Lindig, Oberarzt am Universitätsklinikum Tübingen und Mitgründer des KI-Startups AIRAmed erklärt im Interview wie eine KI-gestützte Hirnvolumetrie als „Gatekeeper“ funktioniert und warum IT-Anbieter Hand in Hand arbeiten müssen, um technisch eine bestmögliche Diagnostik zu unterstützen.
1. Herr Dr. med. Lindig, Sie sind Mitgründer eines Start-ups für KI-gestützte Hirnvolumetrie und haben als Oberarzt für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie langjährige Erfahrung in der Alzheimerfrüherkennung. Können Sie uns erzählen, warum Sie zu diesem Thema gegründet haben?
Ich beschäftige mich mit meinem Mitgründer und langjährigen Kollegen Prof. Benjamin Bender seit über 20 Jahren wissenschaftlich mit neurodegenerativen Erkrankungen, insbesondere mit der Frage, wie sich Alzheimer und andere Demenzen möglichst früh erkennen lassen. Wir arbeiten beide an der Universitätsklinik Tübingen und sehen dort täglich, wie groß die diagnostischen Unsicherheiten gerade im Frühstadium dieser Erkrankungen sind.
Uns war relativ früh klar, dass die klassischen bildgebenden Verfahren zwar enorm wertvoll sind, im frühen Krankheitsstadium aber an ihre visuellen Grenzen stoßen. Viele relevante Veränderungen im Gehirn sind so subtil, dass sie mit dem bloßen Auge noch nicht sicher erkennbar sind.
Genau aus dieser klinischen und wissenschaftlichen Erfahrung heraus ist AIRAmed entstanden. AIRAmed entwickelt KI-basierte Software zur Früherkennung von Demenz, Alzheimer und verwandten neurodegenerativen Erkrankungen. Unsere Technologie analysiert MRT-Bilddaten des Gehirns, vermisst die Volumina einzelner Hirnregionen und setzt diese systematisch in Beziehung zu Referenzwerten gesunder Probanden. Dadurch können wir objektiv einordnen, ob das Hirnvolumen altersentsprechend ist oder ob bereits krankhafte Veränderungen vorliegen, die auf eine neurodegenerative Erkrankung hindeuten.
Gerade im Frühstadium ist dieser Ansatz entscheidend: Kleine strukturelle Veränderungen lassen sich visuell oft noch nicht sicher beurteilen, können aber mithilfe quantitativer, KI-gestützter Analysen sichtbar gemacht werden. Unser Ziel ist es daher nicht, die ärztliche Befundung zu ersetzen, sondern sie sinnvoll zu ergänzen und Radiologen und auch Neurologen eine zusätzliche, objektive Entscheidungsgrundlage an die Hand zu geben.
Dr. med. Tobias Lindig
- Mitgründer & Geschäftsführer der AIRAmed GmbH, Tübingen (seit 2019)
- Oberarzt in der Abteilung für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie am Universitätsklinikum Tübingen
- Medizinische Qualifikation: Facharzt für Neurologie & Radiologie,
Schwerpunkt quantitative Bildgebung und klinische Studien, Medizinstudium absolviert in Erlangen, Boston, Zürich und Auckland
2. Mit den Antikörper-Medikamenten Lecanemab und Donanemab stehen erstmals krankheitsmodifizierende Therapien für Alzheimer zur Verfügung. Wie bewerten Sie diesen Durchbruch aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht – ist das der Wendepunkt, auf den viele lange gewartet haben?
Aus medizinischer Sicht sind Lecanemab und Donanemab tatsächlich ein echter Durchbruch. Es sind die ersten Therapien seit rund 20 Jahren, die nachweislich krankheitsmodifizierend wirken und nicht nur Symptome behandeln. Damit markieren sie einen Wendepunkt in der Alzheimer-Therapie.
Wichtig ist aber die richtige Einordnung: Diese Medikamente heilen Alzheimer nicht, sie verlangsamen das Fortschreiten der Erkrankung – und das vor allem dann, wenn sie sehr früh eingesetzt werden. Genau darin liegt ihre große Chance, aber auch ihre größte Herausforderung.
Für Ärzte eröffnen sich mehrere Chancen: Wir haben erstmals eine therapeutische Option, die den Krankheitsverlauf beeinflusst. Das verändert die gesamte diagnostische Logik: Früherkennung wird nicht nur wünschenswert, sondern medizinisch relevant. Zudem ist zu erwarten, dass diese beiden Substanzen – ähnlich wie bei den MS-Therapien vor etwa 20 Jahren – erst den Anfang markieren und weitere, verbesserte Wirkstoffe folgen werden.
Die Risiken werden in der öffentlichen Diskussion aus meiner Sicht teilweise unnötig dramatisiert. Die bekannten Nebenwirkungen, insbesondere ARIA-Veränderungen, sind real, aber gut bekannt, überwachbar und beherrschbar.
Auch wirtschaftlich bringt dieser neue Abschnitt Herausforderungen mit sich: Die Therapien sind kostenintensiv, erfordern strukturierte Diagnostik, engmaschige Bildgebung und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Gleichzeitig entsteht aber auch ein enormes Potenzial – für Patienten durch längere Selbstständigkeit und Lebensqualität, und für Gesundheitssysteme langfristig durch möglicherweise geringere Pflege- und Folgekosten.
Zusammengefasst: Ja, aus meiner Perspektive ist dies der Beginn einer neuen Ära in der Alzheimer-Behandlung. Entscheidend wird sein, ob wir es schaffen, die notwendigen diagnostischen, finanziellen und regulatorischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass diese Therapien verantwortungsvoll, frühzeitig und fair eingesetzt werden können.
3. Die neuen Therapiemöglichkeiten wirken nur im Frühstadium. Welche diagnostischen Verfahren sind nötig, um geeignete Patienten und Patientinnen zu identifizieren?
Wenn wir über Früherkennung im Kontext der neuen Therapien sprechen, ist die strukturelle Bildgebung aus meiner Auffassung der ideale initiale Schritt in der Demenzabklärung – insbesondere in Form einer KI-basierten Hirnvolumetrie.
Mit einer quantitativen MRT-Analyse lässt sich früh beantworten: Liegen bereits krankhafte Veränderungen vor? Ist überhaupt eine weiterführende Abklärung notwendig? Und wenn ja – in welche Richtung sollte sie gehen? Genau das ist klinisch entscheidend, um Patientinnen und Patienten gezielt weiter zu steuern.
Man darf nicht vergessen, dass klinische Symptome meist erst auftreten, wenn bereits relevante Hirnanteile geschädigt sind. Neuropsychologische Tests kommen deshalb im sehr frühen Stadium oft zu spät oder sind zu unspezifisch, um zwischen normalem Altern und beginnender Neurodegeneration zuverlässig zu unterscheiden.
Die Hirnvolumetrie kann hier eine Gatekeeper-Funktion übernehmen: Sie ermöglicht eine frühe, objektive Einordnung und sorgt dafür, dass aufwendige Ressourcen wie Amyloid-PET oder Liquordiagnostik gezielt als Bestätigungsverfahren eingesetzt werden – etwa dann, wenn das Volumenmuster bereits klar für eine Alzheimer-typische Pathologie spricht.
4. Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden aus medizinischer sowie technologischer Perspektive?
Natürlich ist es in Deutschland nicht immer einfach, zeitnah einen MRT-Termin zu bekommen, insbesondere im kassenärztlichen Bereich. Aber man darf sich nichts vormachen: Es gibt keine Alternative, die einfacher zugänglich wäre.
Eine besondere Herausforderung ist es daher, die vorhandenen Ressourcen effizient, strukturiert und evidenzbasiert einzusetzen und die medizinische und technologische Komplexität des ganzen Themas sinnvoll in die Versorgung zu integrieren. Gelingt das, kann Früherkennung vom theoretischen Anspruch zur praktischen Realität werden.
5. Ein zentraler Aspekt der Alzheimer-Therapie ist die Überwachung von ARIA – den Nebenwirkungen der Behandlung. Welche Anforderungen stellt das an Radiologen?
Die Überwachung von ARIA ist ein zentraler Bestandteil der Therapie mit Amyloid-Antikörpern, stellt aber auch neue, sehr spezifische Anforderungen an die Radiologie. Es geht vor allem um ein strukturiertes Längsschnitt-Monitoring mit klar definierten Zeitpunkten und Fragestellungen.
Radiologen müssen ARIA zuverlässig erkennen, korrekt einordnen und im klinischen Kontext bewerten können. Das erfordert Erfahrung mit diesen bislang eher seltenen Bildbefunden, eine hohe Sensitivität für subtile Signalveränderungen sowie die sichere Differenzierung zwischen ARIA-E, ARIA-H und anderen, alters- oder gefäßbedingten Veränderungen, insbesondere auch die Abgrenzung zu einem akuten Schlaganfall.
ARIA: Die wichtigste Nebenwirkung der Anti-Amyloid-Therapie
ARIA (Amyloid-Related Imaging Abnormalities) bezeichnet charakteristische MRT-Veränderungen unter Antikörper-Therapien gegen Alzheimer. Man unterscheidet ARIA-E (Ödeme/Effusionen) und ARIA-H (zerebrale Mikroblutungen und oberflächliche Siderose). Die meisten Fälle verlaufen asymptomatisch und bilden sich spontan zurück, in seltenen Fällen können jedoch Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder neurologische Symptome auftreten. Ein engmaschiges MRT-Monitoring ist daher zwingend erforderlich.
6. Sind die radiologischen Abteilungen aus Ihrer Sicht darauf vorbereitet, diese spezifischen Nebenwirkungen zuverlässig zu erkennen?
Teilweise – aber sicher nicht flächendeckend. ARIA war bislang kein Alltagsthema in der Routineversorgung. Entsprechend besteht ein klarer Bedarf an Zusatzqualifikation, standardisierten Protokollen und enger Abstimmung mit Neurologie und Gedächtnisambulanzen. Radiologie wird hier stärker denn je Teil des aktiven Therapiemanagements bei neurodegenerativen Erkrankungen ähnlich wie in der Onkologie oder bei den chronisch entzündlichen ZNS-Erkrankungen.
Technologisch können standardisierte MRT-Protokolle, strukturierte Befundung und quantitative, KI-gestützte Analysen helfen, Befunde objektiver und reproduzierbarer zu machen und subtile Veränderungen im Verlauf sicherer zu erkennen.
Kurz gesagt: ARIA-Monitoring macht deutlich, dass wir in der Alzheimer-Therapie nicht nur neue Medikamente brauchen, sondern auch eine Weiterentwicklung radiologischer Expertise. Radiologen werden damit zu zentralen Akteuren in einem neuen, komplexen Therapiekonzept – und müssen entsprechend vorbereitet sein.
7. Die neuen Therapien erfordern auch eine komplexe Überwachung. Wie bewerten Sie die technologischen Voraussetzungen, um die Therapien flächendeckend in Deutschland umzusetzen?
Ich sehe die größte Herausforderung weniger im technischen Datenmanagement als in der organisatorischen Dimension. Wenn sich perspektivisch rund zehn Prozent der Alzheimer-Erkrankten für eine Alzheimer-Therapie qualifizieren, bedeutet das vor allem eine relevante Zunahme zusätzlicher MRT-Untersuchungen – nicht einmalig, sondern seriell im Rahmen von Diagnostik, Therapiekontrolle und ARIA-Monitoring.
Genau diese Menge an Scans ist für viele radiologische Einrichtungen die eigentliche Hürde: Terminverfügbarkeit, standardisierte Protokolle, zeitnahe Befundung und reproduzierbare Verlaufsvergleiche müssen unter ohnehin hoher Geräte- und Personalauslastung funktionieren.
Ein entscheidender Effizienzhebel liegt deshalb in der Bildgebung selbst. Durch gezielte Sequenzoptimierung seitens der Hersteller lassen sich Untersuchungen deutlich effizienter durchführen. Ergänzend können KI- und LLM-basierte Befundungsassistenten Radiologen bei strukturierter Auswertung und Verlaufsvergleichen unterstützen.
8. Kann Künstliche Intelligenz nicht nur bei der grundsätzlichen Diagnostik helfen, sondern auch dabei, ARIA-Nebenwirkungen früher und zuverlässiger zu erkennen?
Das ist tatsächlich ein Bereich, in dem ich meine eigene Einschätzung der letzten Jahre deutlich revidieren musste. Hätten Sie mich vor zwei Jahren gefragt, hätte ich vermutlich gesagt: Für die Erkennung von ARIA braucht es keine KI – Mikroblutungen und Ödeme sieht jeder Radiologe auf Anhieb.
Heute weiß ich, dass das zu kurz gedacht war. Natürlich gibt es klare ARIA-Fälle, die visuell problemlos erkennbar sind. In der Praxis treten aber auch viele Grenz- und Mischbefunde auf: sehr kleine Mikroblutungen, kleine Ödeme oder Veränderungen, die schwer von alters- oder gefäßbedingten Befunden abzugrenzen sind – insbesondere auch im Verlauf.
Genau hier kann Künstliche Intelligenz einen echten Mehrwert liefern. KI-gestützte Analysen helfen, subtile Veränderungen schneller zu detektieren, Verlaufsunterschiede objektiv zu quantifizieren und Befunde reproduzierbar zu vergleichen. Das erhöht die Sicherheit – gerade im Therapiemonitoring, wo ein frühes und zuverlässiges Erkennen von Nebenwirkungen entscheidend ist.
9. Wie müssen verschiedene Akteure – Ärzte, aber auch Software- und IT-Anbieter – zusammenarbeiten, damit diese Therapien erfolgreich in die Regelversorgung integriert werden können?
Es braucht ein eng abgestimmtes Zusammenspiel aller Beteiligten entlang eines klaren Versorgungspfads. Behandelnde Ärzte verantworten die Indikationsstellung, Therapieentscheidung und klinische Nachverfolgung. Die Radiologie übernimmt eine zentrale Rolle in der strukturierten Basisdiagnostik, der quantitativen Auswertung sowie im ARIA-Monitoring über den Therapieverlauf hinweg.
IT- und Plattformanbieter wie Telepaxx ermöglichen den reibungslosen Zugriff auf Voruntersuchungen, Verlaufsdaten und Zweitmeinungen über Einrichtungsgrenzen hinweg. KI-Anbieter wie AIRAmed unterstützen Radiologen mit objektiver Quantifizierung, standardisierten Auswertungen und konsistenten Verlaufsvergleichen – insbesondere bei steigenden Untersuchungszahlen.
Entscheidend für den Erfolg sind praxistaugliche Standards auf allen Ebenen: Medizinisch erfordert dies klar definierte MRT-Protokolle, einheitliche Befundlogiken und feste Zeitpunkte für Verlaufskontrollen. Technologisch bildet die konsequente Nutzung etablierter Standards wie DICOM die unverzichtbare Basis für einen verlustfreien und systemübergreifenden Datenaustausch. Erst wenn diese medizinischen und technischen Leitplanken nahtlos in einer funktionierenden digitalen Vernetzung ineinandergreifen, wird aus dem therapeutischen Durchbruch eine skalierbare und realistisch umsetzbare Versorgungslösung im klinischen Alltag.
Fazit: Vernetzung als Erfolgsfaktor
Die neuen Alzheimer-Therapien markieren einen medizinischen Meilenstein – ihre erfolgreiche Umsetzung in die Regelversorgung wird jedoch maßgeblich von der technologischen Infrastruktur abhängen. Wie Dr. Lindig im Interview deutlich macht, geht es nicht nur um einzelne Innovationen, sondern um das intelligente Zusammenspiel aller Beteiligten: Zuweiser und Neurologen, die frühzeitig diagnostizieren und therapieren. Radiologen, die strukturiert überwachen und ARIA-Risiken sicher erkennen. KI-Lösungen, die objektive Quantifizierung und Verlaufsvergleiche ermöglichen. Und Plattformanbieter, die den nahtlosen, standardisierten Bilddatenaustausch zwischen allen Akteuren gewährleisten. Nur wenn diese Puzzle-Teile ineinandergreifen, kann aus dem therapeutischen Durchbruch eine skalierbare Versorgungsrealität werden – zum Wohle der Patienten und ihrer Angehörigen.
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